Mit dem Seher Johannes und dem Bischof Ignatius von Antiochien erscheinen zwei ganz verschiedene Gestalten im eng begrenzten Kirchengebiet der römischen Provinz Asia. Erweckt der eine den Eindruck, keines der institutionalisierten Gemeindeämter zu beachten, so tritt der andere als leidenschaftlicher Verfechter des Bischofsamtes auf. Weniges scheint die beiden zu verbinden, immerhin aber eine vergleichbare Nähe zum Gedanken des Martyriums, wenn der eine, Johannes, doch wohl zwangsweise, d.h. »um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu« (Offb 1,9), auf der Insel Patmos weilte, der andere, Ignatius, ganz entschlossen dem Märtyrertod in Rom entgegensieht (z. B. IgnRöm 1,2; 4,1 – 7,3). Ansonsten begegnet eher Trennendes, wenn man Johannes und Ignatius vergleicht. Johannes lebt ganz in der Bibel des Alten Bundes, wenn er alttestamentliche Schriftstellen ständig benutzt, ohne die Zitate als solche zu kennzeichnen; Ignatius bezieht sich auf die »Urkunden«, wie er die alttestamentlichen Texte nennt, gibt ihnen aber nicht das entscheidende Gewicht, das allein dem Evangelium zukommt (IgnPhld 8,2), was er in der Auseinandersetzung mit sog. Irrlehrern betont. Und hier offenbart sich bei näherem Zusehen ein Problem. Ignatius kämpft gegen Gemeindeglieder, die eine doketistische Christologie vertreten, und diese Bewegung bedroht auch Gemeinden in der Asia, an die zuvor Johannes geschrieben hat (an Smyrna und Philadelphia in Offb 2–3) oder die in der Nähe derselben liegen (Tralles und Magnesia am Mäander), ohne dass Johannes irgendeine Kenntnis dieser sog. Irrlehre verrät. Das ist schon beachtlich.
Print ISSN: 0044-2615
Volume: 98, 01/2007
Pages: 49 - 67