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Peter Jonkers

Theologie und (Post)modernität. Philosophische Fragen zu Oswald Bayers Luther-Buch.

Zusammenfassung

Dieser Aufsatz erörtert einige philosophische Fragen in Bezug auf Bayers Vergegenwärtigung Luthers. Die Einbeziehung der Philosophie bietet der Theologie sowohl Chancen als auch Risiken. Einerseits kann die Philosophie zwischen einem religiösen oder theologischen Vokabular und der gegenwärtigen säkularen Gesellschaft vermitteln; andererseits riskiert die Theologie auf diese Weise eine Beeinflussung durch die innerweltlichen Kategorien der Philosophie. Diese zweite Position scheint die Bayers zu sein, da er die Beziehung von Philosophie und Theologie als Dissonanz interpretiert. Um zu untersuchen, ob und auf welche Weise die Philosophie als Vermittlerin zwischen der Religion und der säkularen Gesellschaft fungieren kann, konzentriere ich mich auf ein gemeinsames Merkmal von Philosophie und Theologie, darauf, dass sie alle Arten überlieferter Weisheit in Frage stellen, um wahre, theologisch oder philosophisch bewährte Weisheit zu bieten.

Zunächst analysiere ich Bayers Konzeption der Theologie als persönliche, traditionsgebundene Weisheit. Er entwickelt diesen Gedanken im Kontrast mit Kants kritischer Beurteilung der Weisheit in seiner Kritik der praktischen Vernunft, derzufolge die Wissenschaft die einzige enge Pforte ist, die zur Weisheit führt. Nach Bayer ist der Eintrittspreis viel zu hoch, insofern er ein Reduktion der Theologie auf (objektive) Wissenschaft erfordert. Im Gegensatz dazu versteht er theologische Weisheit als Metakritik, die in der Mitte zwischen Dogmatismus und Skeptizismus steht.

In meinen Bemerkungen zu Bayers Position beginne ich mit der Definition der Weisheit als einer Form von Wissen, die Menschen hilft, die wahre Bestimmung ihres Lebens zu finden. In unserer postmodernen Situation wird jedoch die Plausibilität des Wahrheitsanspruches in Frage gestellt, der in dieser Definition beinhaltet ist. Alle unsere Vokabulare über die Bestimmungen unseres Lebens, ob religiös, theologisch oder philosophisch, werden als radikal kontingent und äquivok wahrgenommen. In der Konsequenz ist Weisheit zur Privatmeinung einer Person oder einer Gruppe Gleichgesinnter geworden. Obwohl ich mit Bayers Kritik der Privatisierung der Weisheit übereinstimme, scheint mir seine Argumentation zugunsten einer theologischen Weisheit, die auf Grund von Gottes persönlicher Anrede über jeden Ideologieverdacht erhaben ist, höchst problematisch zu sein. Obwohl die Religion ein enormes kritisches Potential in Bezug auf die Ideologien unserer Zeit hat, überzeugt das säkulare Zeitgenossen kaum, weil sie die Religion selbst als eine Form der Ideologie betrachten. Deshalb schlage ich mithilfe von Kants Essay Was heißt: Sich im Denken orientieren? einen anderen Zugang zur notwendigen Kritik der religiösen Weisheit vor, die sich im Unterschied zum Begriff der Wissenschaft am Begriff der Vernunft orientiert. Dies führt zu einer weniger dissonanten Beziehung zwischen Philosophie und Theologie als bei Bayer.

Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Walter de Gruyter

Print ISSN: 0028-3517
Volume: 48, 07/2006
Pages: 4 - 17

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