In den Vereinigten Staaten sind viele Studien zur organisierten Religionskultur auf das Paradigma der Kirchengemeinde fokussiert. Am Beispiel der römisch-katholischen Gemeinden läβt sich zeigen, dass eine solche, auf die parochialen Phänomene konzentrierte Perspektive in mancherlei Hinsicht zu eng sein dürfte. Gemeinde lässt sich nämlich nicht nur als ein freiwilliger, bewusster Zusammenschluss Gleichgesinnter begreifen, sondern auch als Untereinheit eines multinationalen Konzerns, der religiöse Dienste anbietet. In der niederländischen Gesellschaft der Gegenwart bezeichnen sich ein Viertel aller römisch-katholischen Christen spontan nicht als Mitglied einer Gemeinde. Wie reagieren die Leitungsorgane römisch-katholischer Gemeinden auf diesen Sachverhalt? Der Artikel präsentiert empirische Daten, die die spezifische Herausforderung der Gemeindesituation darin identifizieren, ein christliches Profil behaupten zu müssen und zugleich in Kontakt mit der weithin säkularisierten Öffentlichkeit bleiben zu wollen. In empirischhermeneutischer Perspektive lassen sich dabei, wie die vom Verf. angestrengte Studie zeigt, drei Idealtypen ausmachen: die Parochialgemeinde, die offene Gemeinde und die einladende Gemeinde. Betrachtet man die Ergebnisse genauer, dann gewinnt man häufig interessante Einblicke in die impliziten Motive der Gemeindeleitungen. So zeigt sich beispielsweise, dass das verbreitete Bestreben, sich einem weiteren Publikum zu öffnen, offenbar nicht nur eine Konzession an die spätmoderne Konsumhaltung ist, sondern sich einer spezifisch europäischen Tradition, der Idee der Institution nämlich, verdankt. Ist Religion nicht mehr sozial obligatorisch, sondern individuell gewählt, dann, so lautet das Fazit, sollten die Kirchen nicht mehr nur für die Beteiligungsgemeinde optieren, sondern verstärkt auch die Chancen einer Sichtweise wahrnehmen, der die Kirche als ein Serviceinstitut gilt, das christlich-religiöse Traditionen und Rituale pfl egt und auf die Gottessehnsucht der Menschen zu reagieren versucht.
Print ISSN: 1430-6921
Volume: 10, 03/2007
Pages: 217 - 237