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Theo A Boer

Luthers Theologie: Ethik? Christliche Ethik?

Zusammenfassung

Während eines Abendessens in einem amerikanischen Restaurant wurde eine Gruppe von christlichen Ethikern, von denen einige Lutheraner waren, von einer jungen Frau angesprochen. Als sie hörte, welchen Beruf die Gruppe ausübte, antwortete sie: »Ich bin eine Lutheranerin – daher habe ich zu christlicher Ethik nichts zu sagen.« Dieser Artikel versucht herauszufinden, in welcher Hinsicht die Frau Recht gehabt haben könnte. Ich argumentiere dafür, dass zu dem Bereich des »Ethischen« zumindest drei Charakteristika gehören: Universalität, Normativität, und ein Verweis auf einen Begriff des höchsten Gutes (oder des guten Lebens). Anschließend wird dafür argumentiert, dass eine der Konsequenzen aus Luthers Verweis auf Gott als höchstes Gut darin besteht, dass der sogenannte politische Gebrauch des Gesetzes (usus politicus legis) zugleich ausgeprägt ethisch und christlich ist. Sein christliches Element besteht jedoch weniger in der Bestimmung derjenigen Werte, deren Realisierung angestrebt werden sollen, also im Feld der normativen Ethik, da das Gesetz in seiner politischen Interpretation allen Menschen, Gläubigen und Nicht-Gläubigen gleichermaßen, bekannt ist und auf alle angewandet werden kann. Der Beitrag des Christentums für die Ethik liegt vielmehr auf zwei anderen Ebenen: zum einen auf einer metaethischen Ebene (diese beinhaltet den Verweis auf Gott als das höchste Gut und die Wichtigkeit der Lehre von der menschlichen Sündhaftigkeit); und zum zweiten, aufgrund von Luthers Betonung der menschlichen Freiheit als Konsequenz der Versöhnung, auf der Ebene der Realisation des Guten. Abschließend wird argumentiert, dass Luthers theologischer Gebrauch des Gesetzes ebenso wie seine Lehre von der menschlichen Freiheit (die in gewisser Weise Calvins drittem Gebrauch des Gesetzes entspricht) kaum als Ethik begriffen werden können, da die Charakteristika der Universalität und der Normativität fehlen. Einige mögen dies als eine Schwäche ansehen, aber die Kritik könnte auch in die entgegengesetzte Richtung gewendet werden: denn für Luther gehört mehr zum guten Leben als Normativität und Universalität allein.

Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Walter de Gruyter

Print ISSN: 0028-3517
Volume: 48, 07/2006
Pages: 18 - 32

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