Rochus Leonhardt
Luthers Rearistotelisierung der christlichen Ethik. Plädoyer für eine evangelische Theologie des Glücks
Zusammenfassung
Die Frage nach dem Glück des Menschen ist nicht eben ein Hauptgegenstand evangelischer Ethik; diese hat vielmehr überwiegend die Glücksthematik ausgeblendet. Gegenläufig zu diesem immer noch maßgeblichen common sense sucht der Artikel nach der Möglichkeit einer Rehabilitierung der Glücksfrage auf dem Boden der reformatorischen Theologie, namentlich in Anknüpfung an Luthers Rechtfertigungslehre. Er zeigt, dass die von Luther vollzogene konsequente Ablösung der weltlichen Ethik vom Bedürfnis des Menschen nach Heilsgewissheit durchaus als Grundlage einer Ethik gelingenden irdisch-menschlichen Lebens fungieren kann: Weil sich der Mensch durch keine Art der irdischen Lebensführung das Heil verdienen kann, fällt das säkulare Ethos in die Kompetenz humaner Vernunft und deren Interesse am Menschendienlichen – eine Konstellation, die an Aristoteles' Ethik erinnert. Die mit dieser Überlegung anvisierte evangelische Glücksethik ermöglicht einerseits eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit säkularen Glücksvorstellungen lebensweltlicher, populärwissenschaftlicher oder wissenschaftlicher Art. Andererseits zielt sie darauf, die Rechtfertigungslehre als Theorie gelingenden Lebens zu interpretieren und damit die Aktualität des Kernstücks lutherischer Theologie an einem gegenwärtig relevanten Thema zu erweisen.
Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Walter de Gruyter
Print ISSN: 0028-3517
Volume: 48, 08/2006
Pages: 131 - 167
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