Die Erzählung vom Exorzismus des Besessenen im Land der Gerasener (Mk 5,1–20) ist geprägt von dem extravaganten Schicksal des unreinen Geistes, der in eine Schweineherde fährt, die sich in den See Genezareth stürzt und ertrinkt. Es ist gerade diese Extravaganz, die den Text in neuerer Zeit zu einem Paradebeispiel für den methodischen Streit zwischen historischer und ästhetischer Auslegung gemacht hat: Die historische Erklärung versucht, literarkritisch eine älteste Schicht des komplexen Textes herauszuschälen, um so einen historischen Exorzismus plausibel zu machen, zu dem dann auch die Schweineepisode gehört haben soll, wie neuerdings erwogen wurde. Wie so häufig, bleibt diese literarkritische Operation allerdings eine Erklärung für das Wachstum dieser Urfassung schuldig. Auf der anderen Seite hat gerade das expressive Bild der sich in den See stürzenden und ertrinkenden Schweine eine ganze Flut von ästhetischen, symbolischen und (tiefen)psychologischen Auslegungen angeregt. Auch wenn man sich darauf verständigt, dass eine im weitesten Sinn »symbolische« Deutung auf der Ebene der Erstrezipienten historisch wahrscheinlich zu machen ist, bleibt natürlich die Frage, welche textexternen Informationen bei Lesern vorausgesetzt werden können und wie sie für das Verständnis nutzbar zu machen sind.
Print ISSN: 0044-2615
Volume: 98, 01/2007
Pages: 28 - 48