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Stefan Schreiber

Das Weihegeschenk Gottes

Die Fremdheit der Texte des Neuen Testaments zeigt sich uns an kaum einem Thema deutlicher als bei der Rede vom »Sühnetod Jesu«. Alle Voraussetzungen dieses geschichtlichen Modells sind uns fremd: die Vorstellung vom Gottesknecht, die Sühne im Tempelkult, das Martyrium als sühnendes »Sterben für«. Für kirchliche Kreise gehört der Sühnetod Jesu ins theologische Sprachspiel. Hier ist die Fremdheit vertraut geworden – ein fester Bestandteil des eigenen Sinnsystems. Gesellschaftlich bleibt der Sinnzusammenhang ein Fremdkörper. Und das ist gut so. Es erinnert uns daran, dass wir es mit Gedanken der Antike zu tun haben – und mit religiösen Gebrauchstexten, die nicht ewige Fragen mit immer gültigen Wahrheiten beantworten, sondern in ganz konkrete Alltagssituationen bestimmter Gruppen sprechen – und, so der Verdacht, eben nur dort sprechen. Der älteste christliche – oder besser: jüdische – Zeuge für eine Erklärung des Todes Jesu ist Paulus. Das Gewicht, das er der Sühnetod-Vorstellung beimisst, ist jedoch nicht unumstritten.

Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der Älteren Kirche, Walter de Gruyter

Print ISSN: 0044-2615
Volume: 97, 01/2006
Pages: 88 - 110

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