Der Maulwurf nimmt im ‚kollektiven Bestiarium‘ eine prominente Rolle ein; er begegnet in zahlreichen Gattungen traditionellen Erzählens, u.a. ätiologischen Märchen, Fabeln, Exempla, Emblemen, Sprichwörtern, auch in der Kinder- und Jugendliteratur. Er erscheint als unterirdisches, chthonisches und blindes Tier, das die Sonne herausfordert und für seine Hybris bestraft wird; als Schädling, Wühler und subversiver Agitator; Baumeister labyrinthischer Gänge und Hügelbauer; niederes, krudes, unreines, heidnisches und habgieriges Tier; ein Wesen von ökologischer Symbolik. Die Einstellungen zum Maulwurf sind vielfältig: u.a. die Unerbittlichkeit des ätiologischen Märchens; die Tendenz, mittels Exegese den Maulwurf zu nobilitieren, indem ihm ein zauberhafter und heilender Charakter zugeschrieben wird, wie er so in den Mythen nicht begegnet; die Kompensationen und Tröstungen der Kinder- und Jugendliteratur, in der er als ein Tier erscheint, das Aufbruch und Verzauberung symbolisiert.
Print ISSN: 0014-6242
Volume: 47, 03/2006
Pages: 44 - 64