Hans Christian Andersens Stellung in der Weltliteratur, wie sie sich in der Aufnahme beim großen Publikum außerhalb Skandinaviens widerspiegelt, ist fast ausschließlich die des Kinderautors oder sogar des harmlosen Märchenonkels. Aus Selbstäußerungen Andersens zu seinen literarischen Ambitionen und aus bekannten wie unbekannten Texten aus seiner Produktion auf dem Gebiet der sog. Märchen und Geschichten läßt sich aber eine messianische Poetologie herleiten, begleitet von Vorstellungen von Selbstopferung und nichtkommunizierbarem Leiden: alles im Bild der Luzifer-Gestalt zusammengefaßt, des Lichtbringers, der selbst im Schatten steht. Darin werden Aufgabe des Künstlers und der Preis, den er zu zahlen hat, zugleich aber auch Zukunftserwartung und Untergangsstimmung ausgedrückt, nicht zuletzt auch Andersens Hoffnung auf Grenzüberschreitung und Neugeburt. Andersens Märchendichtung – und seine Auffassung der Dichtung überhaupt – hat das romantisch-märchenhafte , Es war einmal‘ längst hinter sich gelassen und statt dessen den Blick auf Gegenwart und Zukunft gerichtet.
Print ISSN: 0014-6242
Volume: 46, 04/2005
Pages: 3 - 16