Gegenüber der in vielen Beiträgen zu Europa vorherrschenden Konzentration auf die Vereinheitlichung europäischer Institutionen durch Integrationsprozesse und dem Fokus auf vermeintlich unifizierende Europäismen wie „Aufklärung“, „Liberalismus“ oder „Zivilgesellschaft“ präsentiert dieser Beitrag einen historisch-analytischen Zugriff, der die Vielgestaltigkeit und Ungleichzeitigkeit als Kennzeichen europäischer Entwicklungsprozesse betont. Europa erscheint dabei als Ergebnis pluraler Erfahrungsgeschichten, die sich diachron durch die Untersuchung der langen Dauer von Entwicklungsprozessen und synchron durch den Blick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede europäischer Gesellschaften sowie auf Austauschprozesse zwischen diesen Gesellschaften in ihrer jeweiligen historischen Zeit ergeben. Geschichtswissenschaftlicher Vergleich, Transferanalyse sowie Verflechtungsgeschichte werden als Analysemethoden vorgestellt. In einem zweiten Schritt werden die theoretischen Prämissen einer Erfahrungsgeschichte und ihre Probleme am Beispiel der komparativen Semantik näher erläutert. Abschließend wird am konkreten Beispiel des politisch-sozialen Deutungsmusters „Liberalismus“ und seiner historischen Semantik in Europa das Potential dieses Untersuchungsansatzes vorgestellt.
Print ISSN: 1610-7780
Volume: 4, 12/2006
Pages: 341 - 363