Zu den Antriebskräften des europäischen Integrationsprozesses liegt zwar eine unübersehbare Fülle von Literatur vor, dennoch verbleibt ein Rest des Unerklärlichen. Prinzipiell lässt sich die Geschichte der europäischen Einigung seit 1945 sowohl aus (neo-)realistischer als auch aus kulturgeschichtlich erweiterter Perspektive deuten. So spricht zunächst ein vergleichender Blick auf die beiden „Scharnierzeiten“ (1949–1951 und 1985–1989) für die erstgenannte Interpretation. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass die jeweils beteiligten Akteure nicht nur interessengeleitet handelten, sondern stets auch den semantischen Zwängen eines spezifischen Kommunikationszusammenhangs unterlagen. Eine Analyse der Vorgeschichte des Schuman-Plans verdeutlicht, wie sehr sich die realistische und die konstruktivistische Ebene wechselseitig bedingten. Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine „europäische Meistererzählung“ bzw. ein „Mythos“ der europäischen Integration, der die folgenden Integrationsschritte maβgeblich beeinflusste. Mit dem Ende des Kalten Krieges haben sich zwar sowohl die interessen- als auch die diskursbezogenen Voraussetzungen der Integration teilweise fundamental verändert, die historische Reflexion zeigt jedoch, dass beide Dimensionen für die Fortentwicklung der Union von entscheidender Bedeutung sind.
Print ISSN: 1610-7780
Volume: 4, 03/2007
Pages: 488 - 506