Marju Luts, Jaan Sootak
Das estnische Strafgesetzbuch von 2002 – Ende oder Beginn der Strafrechtsreform?
I. Einleitung
Das neue Strafgesetzbuch von Estland, welches das
zuvor geltende Strafgesetzbuch (offiziell: Kriminalkodex) aus der Sowjetzeit
abgelöst hat, wurde am 6. Juni 2001 verabschiedet und ist am 1. September 2002
in Kraft getreten. Damit hat sich eine rechtsstaatlich geprägte
Strafrechtsreform in einem postsowjetischen Land auf der Ebene der Gesetzgebung
durchgesetzt, und die Reformkräfte konnten den ersten großen Sieg im Bereich des
Strafrechts feiern. Immerhin hat es zehn Jahre gedauert, bis dieses Ziel
erreicht war, und das Inkrafttreten eines StBG bedeutet noch keinesfalls eine
vollzogene Strafrechtsreform. Trotzdem lohnt es sich, einen Blick auf
das Ergebnis dieser Reform zu werfen, um den Stand des Strafrechts eines der
neuen EU-Mitgliedsländer im Zeitpunkt des Beitritts näher kennen zu lernen. Im
östlichen Teil Europas sind fast alle Staaten seit Beginn der 1990er Jahre
Reformländer, und insoweit kann Estland als exemplarisch für die gegenwärtigen
osteuropäischen Wendegesellschaften angesehen werden. Dabei ist allerdings zu
berücksichtigen, dass das neue estnische Reform-StGB im Vergleich zu anderen
osteuropäischen Staaten das Strafrecht sehr radikal verändert
hat.
Zeitschrift für die Gesamte Strafrechtswissenschaft, Walter de Gruyter
Print ISSN: 0084-5310
Volume: 117, 11/2005
Pages: 651 - 676
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